SICHTKONTAKT

SICHTKONTAKT zur ART Cologne erfolgreich gestartet

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Da staunten die Passanten auf dem Weg zur Kölner Kunstmesse ART Cologne nicht schlecht: Fast alle auf dem Weg zum Haupteingang kamen an unserem Zelt vorbei, wo wir als Erste Flüchtlingsakademie der Freien Künste mittels I-Pad feste Videoverbindungen zu den Flüchtlingsunterkünften in Siegburg und Köln-Porz unterhielten. Der FDG-Kurs des Anno-Gymnasiums aus Siegburg besuchte uns und half mit beim Zeltbau. Als dann kurz darauf die Videoverbindung zu den nur wenig älteren Mädels in der Flüchtlingsunterkunft stand, kam es zu regen Gesprächen mit dem Ergebnis, dass die Flüchtlinge ihre Gesprächspartner zu sich in die Unterkunft einluden. Noch am selben Nachmittag fuhr die Gruppe daraufhin nach Siegburg ins Flüchtlingsheim, wo aus dem ersten Sichtkontakt ein Blickkontakt geworden ist.

Mit einem Schwenk durch die Unterkünfte, wo zur Zeit meine Bilder ausgestellt sind, konnte man auch einen Einblick in die Lebenssituation der Geflüchteten gewinnen.

Zahlreiche Passanten, darunter auch einige Kunstkuratoren und freie Kunstjournalisten, interessierten sich für unser Projekt und gaben uns viele positive Rückmeldungen. In der Porzer Einrichtung waren es ebenfalls junge Flüchtlinge, die über die Videoverbindung selbstständig den Kontakt mit uns hielten. Wir freuen uns auf die nächsten Tage bis zum Ende der ART Cologne, wo wir mit unserem Zelt das Angebot zum SICHTKONTAKT machen.

Und noch etwas: Die über 1.500 KULTURTASCHEN, alle von Flüchtlingskindern einzeln bemalt, kamen sehr gut bei den Besuchern an.

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Leider ließ sich niemand von der Kölner Presse vor Ort sehen, dafür aber einige freie Journalisten, z.B. aus den USA und aus Polen. Diejenigen, die das Kommunikationsangebot angenommen haben, waren jedenfalls recht begeistert. Nicht nur die Kölner Passanten, sondern auch unsere Partner in den Notunterkünften.

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Tag 2 SICHTKONTAKT – grosses Interesse auf beiden Seiten

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Auch  am ersten Publikumstag der ART Cologne wurde unser Zelt umringt von interessierten Passanten. Nicht nur die bemalten Zeltplanen zogen die Blicke auf sich, auch die Fotos von Prof. Dr. Hans-Günter Lindner, welche dieser ganz neuartig auf dem Boden präsentierte, so dass die Passanten teilweise gezwungen waren, darüber zu laufen. Lindner  hat unsere Aktionen mit der Kamera begleitet und eine große Serie von Fotos mit hoher Qualität auf eine über 16 m lange Bahn ausdrucken lassen. Hier kann man in die Aktion mit Geflüchteten eintauchen und selbst viele Momente entdecken, welche viel über die Kommunikation mit Geflüchteten aussagen, mehr als Worte.

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Nouran, 21, aus Aleppo, jetzt in der Notunterkunft Neuenhof in Siegburg, wird per Videokonferenz von mir in Begleitung von Hans-Günter Lindner (rechts) durch die Kunstmesse geführt.

In einer speziellen Aktion in den Messehallen habe ich ein Tablet vor der Brust getragen, mit dem ich mit Flüchtlingen über Videokonferenz in deren Notunterkünften verbunden war. So war ich das Auge der Menschen im Lager, welche mit einen virtuellen Rundgang durch die ART Cologne gemacht haben. Natürlich blieben einige Messebesucher verblüfft stehen, vor allem, als sie unsere Unterhaltung hörten. Ich nutzte diese Gelegenheit und bot ihnen an, direkt mit den Flüchtlingen zu sprechen. So kam es zu sehr interessanten und freundlichen Sichtkontakten. Für dieses Angebot erhielten wir viel Zustimmung, nicht nur von den Flüchtlingen, sondern auch von den Messebesuchern und einigen Galeristen, welche von den kunstinteressierten Flüchtlingen über die von ihnen ausgestellten Arbeiten rege befragt wurden.

Einige Journalisten von internationalen Kunstzeitschriften interviewten uns und wollten über unser Kunstprojekt auf dem Laufenden bleiben.

Tage 3 und 4: ART Cologne sperrt die Flüchtlingsakademie aus

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Kontakte wie diese sind auf der ART Cologne unerwünscht: im Sichtkontakt mit Dr. Renate Goldmann, Direktorin Leopold-Hoesch-Museum Düren, und Machmoud aus der Flüchtlingsunterkunft Siegburg auf dem Bildschirm. Das ist für die ART Cologne unerträglich. Ich wurde zweimal hintereinander trotz gültiger Eintrittskarte vor die Tür gesetzt. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich zu erklären, weshalb die Messe sich gegenüber aktiver Kunst, die nicht als Ware gehandelt wird, abschotten will. Wir hatten das ja zuvor bei der Stadt Köln schon erlebt. Nacktführungen durch die Messe als Kunstaktion sind nicht nur erlaubt, die ART wirbt sogar mit ihnen. Unsere Aktion ist unerwünscht.Das wollte ich mir persönlich vom Direktor der ART Cologne, Daniel Hug, erklären lassen.

„Diese Messe ist nicht für Künstler!” lautet dessen Begründung, hier die Einzelheiten:

Wieder wurde mir verboten, ein kleines Lätzchen mit der Aufschrift “Erste Flüchtlingsakademie der Freien Künste” zu tragen. Man ließ mich nicht einmal in die Vorhalle, obwohl ich eine vorher gelöste Eintrittskarte besaß. Der Sicherheitsposten, der mich zurückwies, konnte mir keine Begründung dafür liefern. Daher fragte ich nach jemandem, der mir eine Erklärung geben könne. Daraufhin führte mich der Mann zu seinem Vorgesetzten, der draußen mit  Daniel Hug vor dem Eingang stand, um einen besonders reichen Sammler zu erwarten. Ich sprach Herrn Hug direkt an, bedankte mich höflich für die zehn Freikarten für Flüchtlinge, dir wir als Almosen von der Messe im Vorfeld als Antwort auf unser Angebot der Kooperation erhalten hatten, und fragte direkt nach, weshalb er mir nicht gestatten wolle, mit dem Umhang in die Messe zu gehen. Seine wörtliche Antwort: “Diese Messe ist nicht für Künstler!” Er ist der Meinung, meine Kunst gehöre ins Museum, nicht in die Messehalle.

Den genauen Wortlaut des Gespräches, das Herr Hug sehr emotional geführt hat, haben wir mit der Videokamera vollständig aufgezeichnet. Es zeigt die schwierige Situation, auf der einen Seite Kunst, die nicht als Ware handelbar ist, aus der Verkaufsausstellung von Kunstwerken fern halten zu wollen ohne zugeben zu müssen, dass die dort gezeigten Exponate ihren Wert grundsätzlich daraus beziehen, wie viel jemand für sie zu zahlen bereit ist. Ein Spagat, der offensichtlich die Nerven blank liegen lässt. Erst recht in Zeiten der “Siegerkunst”, so der Titel des Buches von Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich, welches aufzeigt, dass “seit einigen Jahren Kunst wieder ganz unverhohlen eine Sache der Reichen, Erfolgreichen und Mächtigen” geworden ist. Da es nicht unser Stil ist, aus derlei Vorkommnissen medienwirksames Kapital zu schlagen, sondern im Vordergrund das aufeinander Zugehen, das Gesprächsangebot, steht, habe ich Herrn Hug in einem ausführlichen Brief die Motive und Hintergründe unserer Arbeit erläutert und ihm angeboten, sich gerne selbst bei den mit uns kooperierenden Flüchtlingen bzw. Einrichtungen ein Bild zu machen. Jedenfalls lag es nicht an uns, dass die Ankündigung des art-Kunstmagazins in der Sonderbeilage zur ART Cologne, hier Künstler zu treffen, nicht durch deren Direktor Hug gedeckt war. Werbung mit leeren Versprechen oder inkonsequente Auslegung der eigenen Regeln, es bleibt die Frage nach dem Warum.

ARTHugSonderbeilageArtmagazin

Wir hoffen, es gelingt uns, Herrn Hug davon zu überzeugen, dass es in Sachen Kunst nicht nur ums Geld geht, auch wenn der Warenumschlagplatz Messe seine Berechtigung hat. Wir werden die Herausforderungen unserer Gesellschaft nur gemeinsam meistern. Die Kunst darf sich nicht in den White Cube zurückziehen und so tun, als ob sie nur für die Profiteure der Gesellschaft da sei, als Auftragnehmer für die Superreichen und Mächtigen. Dann hat sie ihre unabhängige Rolle, ihre Freiheit, für immer verspielt.

Tag 5: Erste VIP-Führung durch die ART Cologne für Geflüchtete

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Am Sonntag konnte die Erste Flüchtlingsakademie der Freien Künste erstmals eine VIP-Führung durch die Kunstmesse ART Cologne für Geflüchtete aus den Notunterkünften in Köln-Porz und Siegburg anbieten. Der Museumsdienst Köln hatte diese Führung im Wert von 200 Euro kostenlos zur Verfügung gestellt. Begleitet haben uns zwei Studierende der Technischen Hochschule Köln, die sich mit der Bewertung von Kunst wissenschaftlich auseinandersetzen. Außerdem ist eine freie Journalistin mit uns gegangen. Unsere Gäste kommen ursprünglich aus Syrien und Ägypten. Für sie war es das erste Mal überhaupt, in einer Kunstausstellung zu sein, erst recht auf einer Kunstmesse. So wurde die Führung mit viel Interesse aufgenommen, die Vielfalt von Materialien, eingesetzten Techniken und inhaltlichen Motiven faszinierte die Besucher besonders. Wir ermunterten unsere Gäste, nicht nur bei uns, sondern auch bei den Galeristen und natürlich unserer Führerin nachzufragen, egal um was es geht. Die englischsprachige Führung mit Halt in reiner Galerie, wo deren Vertreterin kurz einige Arbeiten erläuterte, war recht informativ, dennoch drehte sich in erster Linie alles ums Sehen. Schon zu Beginn kamen wir am Stand des Museumsdienstes vorbei, wo wir herzlich empfangen wurden und beim Anlegen der Audioanlage die von den Flüchtlingskindern bemalten Kulturtaschen und unsere Info-Leporellos wiedersahen, die dort reißenden Absatz fanden.

Der geführte Rundgang brachte für die Menschen aus dem muslimisch geprägten Kulturkreis einige provokante Konfrontationen, denen unsere Gäste sehr aufgeschlossen und interessiert begegnet sind. So löste eine hyperrealistisch naturgetreue Darstellung eines weiblichen liegenden Aktes aus bemalter Bronze nicht nur Erstaunen bei  den von uns begleiteten Gästen, sondern bei fast allen Messebesuchern aus. Der Umgang mit dem Raum, Fragen nach Abstraktion, Wahrnehmung usw., eine Menge neuer Eindrücke waren zu verarbeiten. Nach dem gemeinsamen Rundgang entließen wir unsere Gäste mit der Einladung, sich auf eigene Faust weiter durch die Messehallen zu bewegen und sich treiben zu lassen, nachdem wir sichergestellt hatten, dass sie wieder gut nach Hause in ihre Unterkünfte gelangen werden.

So wurde aus dem anfänglichen SICHTKONTAKT über eine Videokonferenz eine persönliche Sichtung vor Ort und eine Begegnung, nicht nur mit der westeuropäischen Kultur, sondern auch mit Kunst aus allen Teilen der Welt.

Wir sind schon auf spätere Gespräche gespannt, wenn wir mit unseren Gästen über ihre Eindrücke sprechen werden.

Wir danken herzlich dem Museumsdienst Köln für seine Führung und der ART Cologne für zehn Tageskarten und allen Beteiligten, insbesondere den Geflüchteten, für ihre offenen Kommentare und Meinungen sowie den Verantwortlichen in den Notunterkünften für die gute Kooperation.

Fazit: SICHTKONTAKT war ein Erfolg, der uns ermutigt hat, auf diesem Weg zu bleiben und weiter zu machen.

Bis auf Weiteres sind die Ausstellungen meiner Papierarbeiten und Bilder auf Zeltplanen noch in den Notunterkünften zu sehen. Da ich sie nur für die dort lebenden Geflüchteten ausgestellt habe, bitten wir Besucher von außerhalb um Verständnis, wenn wir nur nach vorheriger Abstimmung und mit Einverständnis der Einrichtungen eine Führung anbieten können.