Art Cologne: Kölner Abschottung gegen Flüchtlinge

 

(Dieses Interview darf gerne in voller Länge publiziert werden)

Das Projekt „Sichtkontakt“ deckt Mauern der Kunstmesse ART Cologne auf Armin Holewa interviewt Hermann Josef Hack, Künstler und Mitbegründer der Ersten Flüchtlingsakademie der Freien Künste

AH: Herr Hack, Sie haben angekündigt, während der diesjährigen Art Cologne ein Kommunikationsprojekt mit Flüchtlingen anzubieten, das bewusst die Besucher dieser großen Kunstmesse einbezieht. Wie kam es zu dieser Idee?

HJH: Für mich als Künstler besteht die besondere Chance, die Kunst und Kultur bieten, vor allem darin, ohne Sprache mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu kommunizieren. Ich sehe darin aber zugleich auch die Verantwortung, unseren Teil zur gesellschaftlichen Herausforderung beizutragen, in dem wir diese Chance nutzen und Verbindungen zu den Menschen herstellen, über die viel geredet, aber mit denen zu wenig gesprochen wird.

Vor 25 Jahren habe ich das GLOBAL BRAINSTORMING PROJECT gegründet, um genau diese Verbindungen über die Kunst herzustellen.

Schauen Sie, als plötzlich täglich tausende geflüchtete Menschen zu uns kamen, gab es eine großartige Hilfsbereitschaft. Es wurden Kleidung, Spielsachen, Schuhe und andere Dinge spontan gesammelt und an Flüchtlingsunterkünfte gespendet, Schulen zu Notunterkünften umfunktioniert, Geld für dringende Hilfsmaßnahmen gesammelt. Alles richtig und wichtig zur Deckung des körperlichen Bedarfs. Die Frage bleibt aber doch, was ist, wenn dieser Bedarf nach Unterkunft, Verpflegung, Hygiene und medizinischer Versorgung gedeckt ist, war das alles?

AH: Sie vermissen also noch mehr?

HJH: Ja, auf jeden Fall; der Mensch lebt nicht vom Brot allein, heißt es schon in der Bibel. Was uns vom Tier unterscheidet, ist die Kultur. Und hier kommt die Kunst ins Spiel. Aus Erfahrung mit der Arbeit mit Geflüchteten im Libanon kann ich bestätigen, dass es für Menschen auf der Flucht ebenso wichtig ist, nicht auch noch ihre Kultur zu verlieren. Hier ist noch viel nachzuholen.

AH: Sie erwähnten den Libanon, was haben Sie dort gemacht?

HJH: Mit meinem Künstlerkollegen Andreas Pohlmann hatte ich bereits im Jahr 2010 ein Malbuch für Flüchtlingskinder auf Sri Lanka hergestellt, das wir eine ganze Woche lang mit Flüchtlingskindern, die aufgrund eines Tsunamis, später dann wegen des Bürgerkrieges ihre Heimat verlassen mussten, bearbeiten konnten. Diese Erfahrung stützte unsere These, dass eine kulturelle Arbeit nicht weniger wichtig ist, als die Deckung der körperlichen Bedürfnisse. Um dies im aktuellen Zusammenhang mit den Kriegsflüchtlingen aus Syrien unter Beweis zu stellen, konnten wir die Hilfsorganisation CARE gewinnen, im Libanon vor Ort in den von CARE betreuten Flüchtlingseinrichtungen mit den Menschen zu arbeiten. Wir haben großformatige Zeltplanen gemeinsam bemalt, nachdem wir den Flüchtlingen über unser Projekt berichtet hatten und Fotos von Aktionen im öffentlichen Raum in Deutschland gezeigt hatten.

AH: Was waren das für Aktionen?

HJH: Um auf die Nöte der Flüchtlinge hinzuweisen, hatte ich z.B. am Weltflüchtlingstag, dem 20. Juni – ich kann mir das Datum so gut merken, weil es mein Geburtstag ist – vor dem Reichstag in Berlin Zelte aus von mir gemalten Bildern auf Planen errichtet. Gleiches hatte ich auch während der Art Cologne 2014  auf der Schildergasse, Kölns größter Einkaufsmeile, gemacht.

 

AH: Wie haben die Flüchtlinge im Libanon darauf reagiert?

HJH: Sie fanden das gut und haben die Fotos davon, die ich ihnen mitgebracht hatte, wie Trophäen behandelt. Überhaupt haben die Menschen, mit denen wir auf Augenhöhe gearbeitet haben, es sehr begrüßt, dass sich jemand für sie interessiert und sie als kulturelle Wesen ernst nimmt.

AH: Bevor wir zurück zur Kunstmesse nach Köln kommen, wie haben Sie Ihre Erfahrungen weiterverarbeitet?

HJH: Wir haben am 22. September 2015 die Erste Flüchtlingsakademie der Freien Künste gegründet, um mit Flüchtlingen vor Ort zu arbeiten und Kontakte zu anderen Einrichtungen auf dem Gebiete der Kultur zu knüpfen. Alle dafür zuständigen Behörden, Ministerien und sonstigen Institutionen waren voll des Lobes über unsere Akademie, aber sobald es an eine konkrete Unterstützung geht, ducken sich alle weg und finden eine Ausrede, warum sie nicht zuständig sind. Anders bei Denjenigen, die in den Notunterkünften mit Geflüchteten arbeiten. Sie freuen sich über unsere Angebote und empfangen uns mit offenen Armen. Inzwischen haben wir auch weitere Partner gefunden, wie z.B. die Technische Hochschule Köln, mit denen wir unser Netzwerk aktiv verstärken und unsere Angebote zugunsten der Geflüchteten verbessern können. Wir suchen weiterhin den Kontakt zu Hilfsorganisationen, um sie davon zu überzeugen, dass ohne Kunst und Kultur, und wir reden hier nicht von Beschäftigungs- oder Traumatherapie, etwas Wichtiges fehlt.

AH: Das müsste doch auch die Kunstwelt interessieren…

HJH: …dachten wir auch, bevor wir unsere Erfahrungen mit den Verantwortlichen der Art Cologne gemacht hatten.

AH: Welche Erfahrungen waren das denn?

HJH: Schon viele Monate im Voraus habe ich den Kontakt zu Daniel Hug, dem künstlerischen Leiter der Art Cologne, gesucht, um ihm unser Projekt „Sichtkontakt“ vorzustellen. Ich werde meine Bilder auf Zeltplanen, aber auch die mit Flüchtlingen gemeinsam gemalten Bilder in zwei Notunterkünften ausstellen. Also nicht in einer Galerie oder im Museum, sondern dort, wo die Menschen wohnen, um die es geht. Es war nicht schwer, die Flüchtlingsunterkünfte in Köln-Porz und Siegburg, mit denen wir schon gearbeitet haben, als Partner zu gewinnen. Um die Hemmschwelle der Kunstmesse-Besucher/innen abzubauen, bieten wir Führungen für die Gäste der Art Cologne an, die wir in die Flüchtlingseinrichtung nach Köln einladen. Umgekehrt hat der Museumsdienst Köln zugesagt, Führungen für Flüchtlinge durch die Art Cologne anzubieten und Flüchtlingskinder an ihrem ART KIDS Club teilnehmen zu lassen. Als Kontaktstelle für einen Sichtkontakt, den wir mit Hilfe der Technischen Hochschule Köln über Videokonferenz in die Flüchtlingslager  anbieten, wollen wir ein kleines Zelt draußen vor dem Eingang Süd der KölnMesse  aufstellen. Bis heute hat sich Daniel Hug nicht geäußert, es hieß, wir erhielten lediglich zehn Tageskarten für die Flüchtlinge, ansonsten könne man uns nicht einbinden.

AH: Haben Sie sich damit abgefunden?

HJH: Nein, ich habe zunächst die Kölner Oberbürgermeisterin, Frau Reker, persönlich angeschrieben und sie gebeten, uns zu unterstützen. Außerdem habe ich bei der zuständigen Ordnungsbehörde der Stadt Köln einen Antrag auf Genehmigung zum Aufstellen unseres kleinen Zeltes auf dem städtischen Gelände vor der Messe gestellt.

AH: Das dürfte doch kein Problem gewesen sein…

HJH: Von wegen! Nach langem Zögern und mehreren Nachfragen kam dann eine Email des Ordnungsamtes, dass die Stadt mir ihre Erlaubnis verweigern muss. Als Alternativort wurde uns der Platz neben der Kreuzblume vor dem Kölner Dom, also auf der anderen Rheinseite, fernab von der Kunstmesse, angeboten.

AH: Was war die Begründung?

HJH: Auf meine Nachfrage eierte die Sachbearbeiterin herum, es seien in noch nicht absehbarer Zeit Bohrungen auf dem Gelände geplant, daher könnten wir das Zelt hier nicht aufstellen. Und auf mein Nachhaken gab sie dann zu, es gäbe grundsätzlich keine Genehmigung im Umfeld der Messe.

AH: Mit anderen Worten, Sie gehen davon aus, dass man Sie bewusst nicht an diesem Ort haben will.

HJH: Ja genau. Dabei wollen wir ausschließlich ein positives  Angebot an die Messebesucher machen, sie für die uns alle betreffenden Themen interessieren. Ihnen aufzeigen, wie wichtig Kunst und Kultur für die Kommunikation und Integration von Geflüchteten sind.

Das Verhalten der Art Cologne lässt eher den Schluss zu, man hat Angst vor dem Kontakt mit dem Flüchtlingsthema, um nicht zu sagen, man will mit Menschen, die nicht als Kunden in Frage kommen, nichts zu tun haben. Was für ein Bild von ihrer Vorstellung gegenüber Geflüchteten gibt die Art Cologne von sich? Es liegt die peinliche Vermutung nahe, hier gehe es darum, die Messe frei von allem zu halten, was die Kunden der Händler in ihrer Kauflaune beeinträchtigen könnte. Es entsteht der Eindruck, dass man sich davor fürchtet, die Ursachen für das Flüchtlingselend in einem Zusammenhang mit dem Verhalten Derjenigen zu entdecken, die durch ihre Kunstkäufe ihren Reichtum manifestieren, wenn nicht ihre Gelder waschen…

AH: Was sagt die Oberbürgermeisterin dazu?

HJH: Nachdem die Ablehnung bei mir eingegangen war, habe ich sofort eine Email an Frau Reker persönlich gerichtet, in der ich sie gebeten habe, die Entscheidung ihrer Beamten noch einmal zu überdenken. Schließlich bietet unser Projekt die Chance, das durch die „Kölner Ereignisse“ eh schon negativ besetzte Image der Domstadt zu verbessern, zumal wir die Erste Flüchtlingsakademie der Freien Künste in Köln gegründet haben. Ich habe darauf hingewiesen, dass die Öffentlichkeit es mit Interesse verfolgen wird, ob und in wieweit die Kunstmesse sich abschottet oder ob sie die Zeichen der Zeit verstanden hat und sich an der Lösung der globalen Herausforderungen beteiligen wird. Schließlich habe ich darauf hingewiesen, dass ich meine Zelte sogar vor dem Reichstag in Berlin mit Genehmigung von Bundestag und Bundesrat aufstellen durfte. In einer Zeit, in der von uns  – zu Recht – erwartet wird, dass wir unsere Turnhallen als Quartiere für Geflüchtete zur Verfügung stellen, wird niemand verstehen, dass die Kunstmesse für sich beansprucht, von all dem in Ruhe gelassen zu werden. Wir wollen noch nicht einmal in die Messehallen, sondern lediglich draußen vor der Tür stehen. Selbst das will man uns nicht gestatten.

AH: Hat man Angst, Sie wollen sich in den Markt einschleichen, in den man nur gegen teure Standmieten und nur über große Galerien gelangt?

HJH: Dazu besteht kein Anlass. Weder mein Kollege noch ich haben ein kommerzielles Interesse, wir sind nicht bei Galerien, die in der Kunstmesse ausstellen, vertreten, wir stellen keine Konkurrenz zu den dort gehandelten Waren dar. Aber diese Ablehnung kenne ich noch von meinen Aktionen mit Obdachlosen, die ich 1995 durch die Art Cologne geführt habe. Schon damals hat mich die Messe mit ihren Sicherheitskräften gejagt, und nur weil wir reguläre Eintrittskarten gelöst hatten, konnten wir unseren Rundgang fortsetzen. Mit Frau Reker, die ich bisher als Sympathisantin für Flüchtlinge wahrgenommen hatte, hatte ich gehofft, jemanden anzusprechen, die unser Angebot richtig verstehen und annehmen würde.

AH: Gab es eine Antwort?

HJH: Ich erhielt einen Anruf des Flüchtlingsbeauftragten der Oberbürgermeisterin, Herrn Oster. Er konnte mir auch nicht helfen, es blieb bei einer peinlichen Ausrede, von wegen die Messe wünscht keine Veranstaltungen im Umfeld, man würde mir einen Ort vor dem Bahnhof in Köln-Deutz anbieten, ebenfalls weit weg von der Messe. Berücksichtigt man, dass die Stadt Köln der größte Teilhaber der KölnMesse Gesellschaft ist, handelt die Oberbürgermeisterin hier – verkürzt gesagt – auch als Chefin der Messe. Man muss nicht viel Fantasie aufbringen, um zu verstehen, dass ihr die Kapitalinteressen des Kunsthandels weit mehr bedeuten als die Belange unseres Flüchtlingsprojektes. Nochmal: Es geht hier nicht um Geld, wir erbaten lediglich eine Aufstellgenehmigung für ein kleines Zelt draußen vor den Messehallen. Frau Reker und Herr Hug wünschen keinen Kontakt, nicht einmal einen Sichtkontakt zu den Geflüchteten.

AH: Dabei kooperieren Sie mit dem Museumsdienst Köln…

HJH: Ja, wir haben im Gegenzug zu deren Angebot, Flüchtlinge durch die Art Cologne zu führen, zugesagt, tausend so genannte Kulturtaschen aus Papier von Flüchtlingskindern bemalen zu lassen. Tausend individuelle Angebote zur Kontaktaufnahme, eine Geste der Begegnung. Wäre schön, wenn diese ausgestreckte Hand nicht weiterhin auf kalte Ablehnung stoßen würde.

AH: Herr Hug hat sich bis heute nicht geäußert?

HJH: Ich finde es schade, dass er unser Angebot ausgeschlagen hat. Wir wollen die Welt der Kunst aus dem Elfenbeinturm, dem White Cube, in die Realität der Jetztzeit holen, sie wieder erden mit den Dingen, die über unsere Zukunft entscheiden.

Es stellt sich ganz einfach die Frage, ob Herr Hug sich nur für einen Teil der Welt entscheidet, der sich mit seinen Besitztümern hinter den Sicherheitszäunen von privaten Schutzdiensten verbarrikadiert und damit selbst von der Gesamtgesellschaft ausschließt, wie es die superreichen Oligarchen und Steuerhinterzieher zu tun pflegen, oder ob ihn auch die Menschen interessieren, die genauso Bestandteil unserer Kultur sind, auch wenn sie sich keinen Richter oder Rauch leisten können.

Bis heute ist es so, dass Herr Hug unser Angebot zur Kontaktaufnahme mit Flüchtlingen boykottiert und die Oberbürgermeisterin ihn darin unterstützt.

AH: Was werden Sie tun, jetzt, wo Sie keine Genehmigung der Stadt Köln erhalten haben?

HJH: Wir werden auf jeden Fall mit unserem Zelt vor der Art Cologne stehen. Wir sind es den Menschen schuldig, mit denen wir gearbeitet haben und für die wir auch weiterhin da sein werden. Wer glaubt, er könne weiterhin wie bisher im Elfenbeinturm einer von der Wirklichkeit abgehobenen Kunstwelt ausschließlich seinem Profit auf Kosten der Anderen nachgehen, hat die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden. Nur gemeinsam werden wir die Herausforderungen unserer globalisierten Gesellschaft annehmen können.

Auch wenn es gerade im Trend liegt, überall Mauern und Stacheldrahtzäune gegen Flüchtlinge zu errichten, sollte ausgerechnet die Kunst sich für Freiheit und ein Aufeinanderzugehen  einsetzen. Das gilt nicht nur für die Kölner Kunstmesse.

AH: Herr Hack, vielen Dank für das Gespräch.